Finanzbildung ist wichtig – sagen zumindest alle
Doch zwischen «wichtig» und «ich mache etwas dafür» liegt ein grosser Schritt
In den letzten Monaten habe ich mit vielen Menschen über Finanzbildung gesprochen – mit Jugendlichen, Erwachsenen, Eltern und Menschen aus der Berufsbildung. Fast immer höre ich dieselben Sätze:
«Das ist wichtig.» «Das sollten junge Menschen unbedingt lernen.» «So etwas hätte ich früher auch gebraucht.»
Diese Rückmeldungen bestärken mich. Gleichzeitig bringen sie mich ins Grübeln. Denn zwischen der Aussage, dass Finanzbildung wichtig sei, und der Bereitschaft, konkret etwas dafür zu tun oder zu bezahlen, liegt ein ziemlich grosser Schritt.
Meine erste Idee hat nicht funktioniert
Zu Beginn wollte ich meine Finanzworkshops direkt Jugendlichen und Eltern anbieten. Ich dachte, Jugendliche würden sich selbst anmelden oder Eltern einen Workshop für ihre Kinder buchen. Es gab einzelne Anfragen – aber zu wenige für einen Gruppenworkshop.
Natürlich könnte ich Workshops auch mit zwei Personen durchführen. Doch dann wird daraus eher eine private Begleitung. Das kann sinnvoll sein, ist aber nicht das Angebot, das ich langfristig als Firma aufbauen möchte.
Dabei wurde mir ein grundlegendes Problem klar:
Die Jugendlichen brauchen das Wissen – aber sie sind selten diejenigen, die dafür bezahlen können.
Viele Eltern finden Finanzbildung zwar wichtig. Trotzdem buchen sie nicht unbedingt einen Workshop. Vielleicht sprechen sie selbst mit ihren Kindern über Geld. Vielleicht gehen sie davon aus, dass dieses Wissen in der Schule vermittelt wird. Vielleicht wird das Thema erst dann dringend, wenn bereits ein Problem entstanden ist.
Also stellte sich mir die Frage: Wie erreiche ich Jugendliche dort, wo sie bereits als Gruppe zusammenkommen?
Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand: über Schulen, Lehrbetriebe und Organisationen.
Viele Jugendliche brauchen zuerst einen niedrigschwelligen Zugang zu Geldthemen, bevor sie bereit sind, aktiv an ihrer Finanzkompetenz zu arbeiten.
Und genau dort fehlt mir noch der Mut
Mit dieser Erkenntnis hat sich mein Angebot verändert. Ich möchte Finanzbildung nicht mehr hauptsächlich an einzelne Jugendliche oder Eltern verkaufen. Ich möchte Workshops für ganze Klassen und Gruppen anbieten.
Doch genau an diesem Punkt stockt es.
Ich habe zwei oder drei Stellen angeschrieben – und danach nicht mehr nachgefragt. Ich habe noch keine Schulen angerufen und bin auch nicht konsequent auf Lehrbetriebe zugegangen.
Das ist mein Anteil daran.
Ich kann nicht behaupten, dass niemand mein Angebot möchte. Ich habe es bisher schlicht noch nicht wirklich verkauft.
Warum? Weil ich selbst immer wieder zweifle.
Ist Finanzbildung tatsächlich etwas, wofür Schulen und Lehrbetriebe bezahlen? Ist mein Angebot gut genug? Bin ich die richtige Person dafür? Wie soll ich andere vom Wert meines Workshops überzeugen, solange ich selbst noch daran zweifle, ob ich dafür Geld verlangen darf?
Beim Thema selbst fehlt mir die Überzeugung nicht. Ich sehe, wie wichtig Finanzwissen ist. Meine Zweifel beginnen dort, wo ich meinem Wissen, meiner Erfahrung und meiner Arbeit einen Preis geben muss.
Es bewegt sich trotzdem etwas
Ganz untätig war ich nicht. Ich habe fünf Personen beim Ausfüllen ihrer Steuererklärung begleitet – zwei davon junge Erwachsene, die mit Interesse dabei waren und Freude daran hatten, ihre Steuererklärung selbst zu verstehen.
Genau das ist mein Ansatz: Ich möchte Menschen nicht einfach etwas abnehmen. Ich möchte ihnen zeigen, wie es funktioniert, damit sie es später selbstständig machen können.
Die Steuerbegleitung konnte ich auch verkaufen. Das freut mich. Gleichzeitig war sie gar nicht mein ursprüngliches Hauptziel. Trotzdem werde ich dieses Angebot fest aufnehmen.
Denn ich bin überzeugt: Jede Person sollte mindestens einmal im Leben ihre Steuererklärung selbst ausgefüllt und verstanden haben.
Mein eigentliches Ziel bleibt jedoch die Finanzbildung für junge Menschen.
Ist das nicht Aufgabe der Eltern?
Diesen Einwand höre ich oft: «Finanzbildung ist doch Aufgabe der Eltern.»
Ja, Eltern spielen eine wichtige Rolle. Aber haben wir selbst immer auf alles gehört, was unsere Eltern uns erklärt haben?
Nicht alle Eltern verfügen über das gleiche Finanzwissen. Nicht in jeder Familie wird offen über Geld gesprochen. Und nicht alle Jugendlichen haben zu Hause jemanden, der ihnen eine Steuererklärung, ein Budget, Versicherungen oder die Folgen von Schulden verständlich erklären kann.
Deshalb kann Finanzbildung nicht allein die Aufgabe der Eltern sein.
Ich glaube, es braucht verschiedene Beteiligte: Eltern, Schulen, Lehrbetriebe und Fachpersonen. Denn wir lernen nicht durch einmaliges Zuhören. Wir lernen durch Wiederholung, durch eigene Erfahrungen und dann, wenn ein Thema plötzlich relevant wird.
Wenn es so wichtig ist – warum machen es nicht mehr?
Diese Frage wurde mir ebenfalls gestellt. Eine mögliche Antwort lautet: Weil es sich finanziell nicht lohnt.
Mein erster Gedanke war: Finanzbildung muss doch nicht rentabel sein.
Doch wenn ich ehrlich bin, stimmt das nur teilweise. Für mich muss sie rentabel sein. Ich investiere Zeit in die Entwicklung, Vorbereitung und Durchführung meiner Workshops. Wenn ich daraus ein tragfähiges Angebot machen möchte, muss meine Arbeit bezahlt werden.
Gleichzeitig stellt sich eine andere Frage: Ist Finanzbildung für unsere Gesellschaft nicht längst rentabel?
Wenn junge Menschen weniger häufig in Schulden geraten, ihre Ausgaben kennen und bewusster entscheiden, profitieren nicht nur sie selbst. Geldsorgen belasten Menschen, Beziehungen und die psychische Gesundheit.
Prävention kostet Geld. Die Folgen fehlender Finanzkompetenz kosten ebenfalls Geld.
Ein Budget löst nicht jedes Problem
Natürlich gibt es Menschen und Familien, deren Einkommen schlicht zu niedrig ist. Ein Budget kann fehlendes Einkommen nicht herbeizaubern.
Trotzdem schafft ein Budget Klarheit. Es zeigt, was monatlich hereinkommt, wohin das Geld fliesst und ob irgendwo Handlungsspielraum besteht.
Gerade weil das Leben teurer wird, ist dieses Wissen wichtig.
Manchmal liegt Sparpotenzial bei kleinen, regelmässigen Beträgen: Telefon, Fernsehen, Versicherungen, Mitgliedschaften, Abos. Viele wissen gar nicht genau, wie viel ihre laufenden Verpflichtungen zusammen ausmachen.
Ein Budget bedeutet deshalb nicht Verzicht. Es bedeutet zuerst einmal: hinzuschauen und selbst zu entscheiden.
Wir sprechen zu wenig über Geld
In der Schweiz wird meiner Meinung nach zu wenig offen über Geld gesprochen. Auch über Löhne kaum.
Dabei unterscheiden sich die Einkommen selbst im persönlichen Umfeld enorm. Manche Menschen erhalten CHF 4’000, andere CHF 10’000 oder CHF 15’000 pro Monat. Entscheidend ist, ob wir über Brutto oder Netto, Vollzeit oder Teilzeit sprechen.
Der Schweizer Medianlohn lag 2024 bei CHF 7’024 brutto pro Monat für eine Vollzeitstelle.
Solche Zahlen zeigen, wie unterschiedlich die finanziellen Möglichkeiten sind. Gerade deshalb brauchen wir offene Gespräche – nicht um einander zu bewerten, sondern um finanzielle Entscheidungen besser einordnen zu können.
Schweigen hilft ganz sicher nicht.
Wissen allein verändert noch nichts
In meinen Gesprächen mit jungen Erwachsenen merke ich immer wieder, dass grundlegendes Wissen fehlt. Nicht weil sie uninteressiert wären – sie hatten bisher schlicht keine Gelegenheit, sich praktisch damit auseinanderzusetzen.
Was steht auf einer Lohnabrechnung? Wie viel sollte ich für Steuern zurücklegen? Was kostet eine eigene Wohnung wirklich? Wie erkenne ich eine Schuldenfalle? Was bedeutet es für meine Zukunft, wenn ich nach der Lehre plötzlich mehr verdiene und sofort meinen Lebensstandard erhöhe?
Diese Fragen betreffen das echte Leben. Trotzdem erwarten wir oft, dass junge Menschen die Antworten irgendwie von selbst kennen.
Mein nächster Schritt beginnt bei mir
Vielleicht stockt mein Projekt nicht, weil die Idee falsch ist. Vielleicht stockt es, weil ich mich noch nicht konsequent traue, damit hinauszugehen.
Das ist keine angenehme Erkenntnis – aber eine wichtige.
Ich kann nicht darauf warten, dass andere mein Angebot entdecken und mir bestätigen, dass es seinen Preis wert ist. Ich muss selbst daran glauben, aktiv auf Schulen und Lehrbetriebe zugehen und auch nachfragen, wenn auf eine erste Mail keine Antwort kommt.
Ob mein Angebot angenommen wird, werde ich erst erfahren, wenn ich es wirklich anbiete.
Bis dahin arbeite ich weiter an meiner eigenen Überzeugung. Denn eines weiss ich trotz aller Zweifel:
Finanzbildung ist wichtig. Das sagen zumindest alle. Jetzt muss ich den Mut finden, daraus konkrete Möglichkeiten für junge Menschen zu machen.
